Herta Müllers Roman "Atemschaukel" erzählt vom Schicksal der Deportierten aus Siebenbürgen in sowjetischen Arbeitslagern nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im Kapitel Mondsichelmadonna geht es um Rezepte:
„Wenn der Hunger am größten ist, reden wir von der Kindheit und vom Essen. Am ausführlichsten reden die Frauen aus den Dörfern. Bei ihnen hat jedes Kochrezept mindestens drei Akte, wie ein Theaterstück. Durch die verschiedenen Ansichten über die Zutaten wächst die Spannung.
Sie steigert sich rasant, wenn in die Füllung aus Speck, Brot und Ei keinesfalls nur eine halbe, sondern eine ganze Zwiebel, und nicht nur vier sondern sechs Knoblauchzehen gehören und wenn die Zwiebel und der Knoblauch nicht nur gehackt, sondern gerieben werden, und wenn Semmelbrösel besser sind als Brot, und Kümmel besser ist als Pfeffer, und Majoran sowieso das Beste, sogar besser als Estragon, der doch zu Fisch passt, nicht zu Ente.
Wenn die Füllung zwischen Haut und Fleisch geschoben werden muss, damit das Hautfett beim Braten einsickern kann, oder unbedingt in die Bauchhöhle geschoben werden muss, damit sie beim Braten nicht das Hautfett saufen kann, hat das Theaterstück seinen Höhepunkt erreicht. Manchmal behält die evangelisch gefüllte Ente recht, manchmal die katholisch gefüllte.
Und wenn die Frauen vom Dorf mit Wörtern Suppennudeln machen, dauert das sicher eine halbe Stunde bis die Anzahl der Eier und das Rühren mit dem Löffel oder Kneten mit der Hand besprochen ist, bis der Nudelteig glasdünn gewalkt und trotzdem nicht zerrissen und auf dem Nudelbrett getrocknet ist. Bis er dann gewickelt und geschnitten ist, bis die Nudeln dann vom Nudelbrett in die Suppe kommen, bis die Suppe langsam und ruhig oder kurz und aufwallend gekocht ist, bis sie serviert und eine gute Handvoll oder nur eine spitze Pfote frisch gehackte Petersilie daraufgestreut wird, dauert es noch mal eine Viertelstunde.
Die Frauen aus der Stadt verhandeln nicht, wie viel Nudeln man für den Nudelteig nimmt, sondern wie viele man sparen kann. Und weil sie ständig an allem sparen, taugen ihre Kochrezepte nicht einmal für den Prolog eines Theaterstücks.
Kochrezepte erzählen ist eine größere Kunst als Witze erzählen. Die Pointe muss sitzen, obwohl sie nicht lustig ist. Hier im Lager beginnt der Witz schon mit: MAN NEHME. Dass man nichts hat, das ist die Pointe. Aber die spricht niemand aus. Kochrezepte sind die Witze des Hungerengels.
Es ist ein Spießrutenlaufen, bis man in der Frauenbaracke sitzt. Beim Eintreten muss man, bevor man gefragt wird sagen, wen man sucht. Am besten fragt man selbst: ist die Trudi da? und während während man fragt, geht man am besten schon nach links, dritte Reihe, auf das Bett der Trudi Pelikan zu.Die Betten sind Eisengestelle wie in den Männerbaracken. Manche Betten sind mit Decken zugehängt, für die Abendliebe. ich will nie hinter die Decke, ich will nur Kochrezepte."