Freitag, 16. September 2011

Knigge? - Passt schon! N°4 «Wunder- & Sonderlinge»

Knigge passt immer

Der Esprit de conduite oder Über den Umgang mit Menschen

 


Heute: Umgang mit Wunderlichen, Sonderlingen und Launenhaften

Die wunderlichsten Menschen
gibt es immer noch bei
 »Es gibt eine Art Men­schen, die man wun­der­li­che Leute nennt. Sie sind nicht bös­ar­tig, sind nicht immer zän­kisch und mür­risch; aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie haben sich zum Bei­spiel an eine pedan­ti­sche Ord­nung gewöhnt, deren Regeln nicht jeder so wie sie im Kopfe hat […]. An die­ser Män­ner Gunst kann uns viel­leicht sehr viel gele­gen sein. Wenn dies letztre nun der Fall ist, so rate ich, in Din­gen von gerin­gem ­Belange […], sich ihnen gefäl­lig zu bezei­gen. Andre aber, mit denen wir wei­ter in kei­nem Ver­hält­nisse ste­hen, lasse man, inso­fern sie übri­gens brave Män­ner sind, bei ihrer Weise und ver­gesse nicht, daß wir alle unsre Schwach­hei­ten haben, die man brü­der­lich ertra­gen muß.
Ich rate daher, wenn eine uner­war­tete Frage, ein unge­wöhn­li­cher Gegen­stand oder irgend etwas anders uns über­rascht, nur eine Minute still zu schwei­gen und der Über­le­gung Zeit zu las­sen, uns zu der Par­tei vor­zu­be­rei­ten, die wir neh­men sol­len. So wie ein ein­zi­ges rasches, unvor­sich­ti­ges Wort oder ein in der Ver­wir­rung unter­nom­me­ner
Schritt zu späte Reue und unglück­li­che Fol­gen wir­ken kön­nen, so kann ein schnell auf der Stelle gefaß­ter und aus­ge­führ­ter rascher Ent­schluß in ent­schei­den­den
Augen­bli­cken, in wel­chen man so leicht den Kopf ver­liert, Glück, Ret­tung, Trost bringen.
Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in unwesentlichen Dingen von andern zu unterscheiden, nicht eigentlich aus Überzeugung, daß es so besser sei als anders, sondern hauptsächlich darum, weil sie das zu tun vorziehen, was andre nicht tun; solche Leute nennt man Sonderlinge. Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt, und ein verständiger Mann muß in seinem Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihre Bizarrerien von unschädlicher Art und ob sie Männer sind, die in irgendeiner Rücksicht Schonung verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es Vernunft und Duldung fordern.

Was endlich Leute betrifft, die von Launen regiert werden, so daß man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste Gesellschafter ist, so rate ich - vorausgesetzt, daß diese Launen nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe Mitleiden!) - gar nicht zu tun, als bemerkte man solche Ebben und Fluten, sondern auf immer gleich vorsichtigem Fuß mit ihnen umzugehn.«


Adolph Freiherr von Knigge:
Über den Umgang mit Menschen
via Projekt Gutenberg


Kommentare:

  1. Der gute alte Knigge - der kannte sie alle!

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  2. "...auf immer gleich vorsichtigem Fuß mit ihnen umzugehn." Schwierig, weil der andere Fuß will immer mehr leicht- als feinsinnig sein!

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  3. Mir gefällt die Differenzierung - sind eben verschiedene Eigenarten!

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  4. BIZARRERIEN! Da würde man doch denken, das Wort gibt es gar nicht - aber wenn es bei Knigge steht... muss unbedingt wiederbelebt werden!

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  5. Feine Analyse - und gentelmanliker Umgang mit diesen launischen Käuzen...
    Man kann doch immer wieder lernen vom Herrn Knigge!

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  6. schöner blo(ck)g!
    mir gefällt besonders das goethe zitat darüber, was man wenigstens am tag gemacht haben sollte...
    würde mich über besuch auch freuen:
    http://binewin.blogspot.com
    lg aus berlin,
    sabine

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