Samstag, 1. Oktober 2011

Oktober-Gedicht



 Jahrmarkt

"Das war in München beim Oktoberfeste,
da die Theresienwiese voll vom Schrein
und Schwall der Schauer ist. Da bunte Gäste
aus der Provinz der Kunst der Rindermäste
verständnisvoll ein Mundvoll Worte leihn.
Die kleinen Mädchen, flüchtig ihrem Neste,
durchschwirren keck den lauten Tag zu zwein,
und Burschen mit der bunten Lodenweste
und ziere Stadtherrn bengeln hinterdrein.
Dazwischen drängen Wagen und betreßte
urdumme Kutscher, blinzende Lakein,
Fuhrleute dann, die in ihre längstgenäßte
gepichte Kehle tüchtig spülen. Kein
Verdroßner stört, und allen schiens das Beste,
daß man sich prall und gar so prächtig preßte
durch diese bauernbunten Budenreihn.
Bier gabs und Wein in Strömen allerorten,
und viel Verständge prüften dran; es ließ
die Blume gelten der und der die Borten.
Marktschreier prahlten an den Bretterpforten
und priesen ihre Wunder weit mit Worten,
als wären sie mit Noah und Konsorten
zurückgekehrt ins echte Paradies.-
An kleinern Ständen bot man Trauben, Torten
und Würste aus; geduldige Hühner schmorten
sich einen goldnen Panzer an am Spieß…“

aus „Jahrmarkt“, Rainer Maria Rilke, Oktober 1896


siehe auch: Anke Gröner

Kommentare:

  1. Ich wußte gar nicht, dass Rilke ein Gedicht über das Oktoberfest geschrieben hat - und wie: "und Burschen... BENGELN hinterdrein..." Köstlich!

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  2. Nachtrag: Und dass auch "ziere Stadtherrn" den Mädels hinterdreinBENGELN finde ich noch köstlicher!

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  3. Rilke ist Rilke, ist Rilke, ist Rilke...
    "geduldige Hühner schmorten
    sich einen goldnen Panzer an am Spieß"
    - das soll ihm mal einer nachmachen!

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