Sonntag, 9. Oktober 2011

Sophie Calle - Doku statt Deko

Sophie Calle ist eine der bedeutendsten französischen Künstlerinnen der Gegenwart. Am 9.Oktober 1953 in Paris geboren, reiste sie als junge Frau jahrelang durch die Welt und arbeitete als Stripperin, bevor sie sich der Kunst widmete. Einmal lud sie 45 Menschen ein, in ihrem Bett zu schlafen, und dokumentierte das in Fotos und Texten. Ein anderes Mal bat sie ihre Mutter, einen Detektiv auf sie anzusetzen, und veröffentlichte die Fotos des Detektivs. Für Aufsehen sorgte ihr auf der Biennale in Venedig ausgestelltes Werk "Prenez soin de vous"







 
Von der Detektivgeschichte bis hin zur Liebesromanze, von der kriminalistischen Verfolgung bis hin zur journalistischen Recherche - alles spielt Sophie Calle durch, sammelt fotografisch Daten und Dokumente, Spuren und Erinnerungen als Indizien. Tagebuchartige Texte, die kurz ihr jeweiliges Vorgehen erklären, stellt sie über ihre eigentlichen Fotoserien.


Es ist eine lustige, leichte Spielart der Konzeptkunst , die Sophie Calle verfolgt, wenn sie Menschen observiert wie ein außer Kontrolle geratener Detektiv. Und sie spannt die Kunst immer auch ein bisschen für ihre eigenen Zwecke ein. Um dem Leben mehr Witz abzutrotzen. Oder mehr Dramatik. Einem Mann, den sie sehr gut aussehend, aber unmöglich gekleidet fand, schickte sie zum Beispiel jedes Jahr zu Weihnachten ein Kleidungsstück, anonym, und amüsierte sich, wenn sie ihn traf und er eines ihrer Geschenke trug. 

1994 setzt sie sich neben eine New Yorker Telefonzelle, verteilt Sandwiches, lächelt Passanten an und wartet auf eine erwidernde Geste - Feldforschung im Bereich der menschlichen Beziehungen.

1998 entsteht die Chromatische Diät - eine Fotoserie von täglichen Essensrationen, jeweils streng in einer Farbe gehalten. Ein witziges Wechselspiel zwischen Bild- und Erzählkunst - geht die Serie doch auf einen Roman von Paul Auster zurück, der wiederum von Sophie Calle inspiriert wurde.Meister im Verwirren von Realität und Fiktion sind sie beide. Und seit Austers Roman Leviathan aus dem Jahr 1992 haben sich die Fäden ihrer Erzählungen und Lebenswege auch unmittelbar miteinander verschlungen. Auf dem Vorsatzblatt des Buches heißt es: „Der Autor dankt Sophie Calle für die Erlaubnis, Fakten und Fiktion vermischen zu dürfen.“ Und so begegnet der Leser auf Seite 83 der Taschenbuchausgabe einer blonden Frau namens Maria Turner, die zwar äußerlich das genaue Gegenteil der kleinen, zierlichen, brünetten Sophie Calle ist, die sich aber als wahre Doppelgängerin der französischen Künstlerin entpuppt: „eine unorthodoxe Frau, die ihr Leben einer Reihe ebenso raffinierter wie bizarrer Privatrituale unterwarf […]. Manche nannten sie eine Fotografin, andere sahen in ihr eine Vertreterin der Concept Art, wieder andere hielten sie für eine Schriftstellerin, aber keine dieser Bezeichnungen war zutreffend.“ 
Das literarische Verwechslungsspiel scheint der Künstlerin größtes Vergnügen bereitet zu haben, und sie spielte den Ball ohne Zögern zurück. Sie begann nämlich, einige von Auster erfundene künstlerische Arbeiten der Maria Turner in Wirklichkeit auszuführen, um ihre Vita der Romanheldin noch stärker anzunähern.
Dabei fing Sophie Calle erst recht Feuer; sie bat Paul Auster um eine eigens für sie entworfene Handlungsanweisung – woraus sich, so dachte sie, wiederum ein Roman entspinnen könnte. Ein ganzes Jahr ihres Lebens wollte sie einem von ihm erdachten Skript unterwerfen. Doch dem Autor wurde die Sache zu heikel. Er schickte ihr lediglich ein wenige Seiten umfassendes Konzept, das „Gotham Handbook“, mit „Personal Instructions for SC on How to Improve Life in New York City (because she asked …)“: Sie solle unbekannte Passanten anlächeln, Bettlern Sandwiches und Zigarretten schenken und irgendeinen öffentlichen Ort verschönern. Calle reiste unverzüglich nach New York. Sie führte akribisch Buch über Lächeln und Gegenlächeln, brachte Klappstullen an den Mann und verzierte eine Telefonzelle mit Blumen, Keksen und Klappstühlen. Sie erntete Beleidigungen, Begeisterung und Gleichgültigkeit – und beschloss das Projekt durch ein gemeinsames Abendessen mit Paul Auster.

Natürlich ist dieses Wechselspiel schließlich auch wieder zum (Künstler-)Buch geworden. In Französisch und Englisch dokumentiert
Doubles-Jeux bzw. Double Game den ganzen Prozess, angefangen vom Roman Leviathan. Eingeheftet sind sogar die entsprechenden Textpassagen im Druckbild der amerikanischen Ausgabe – versehen mit handschriftlichen Rotstift-Korrekturen der Künstlerin, die Satz für Satz markieren, wo die Romanfigur von ihrer Person abweicht. Und auf dem eingehefteten Vorsatzblatt steht: „The author extends special thanks to Paul Auster for permission to mingle fiction with fact.“

2007 vertrat Sophie Calle Frankreich  bei der Biennale in Venedig . Im Interview mit Erwan Desplanques et Virginie Félix spricht sie über ihre Arbeit und über ihren Wettbewerbsbeitrag, der von Liebeskummer inspiriert ist. "Vor zweieinhalb Jahren habe ich einen Brief bekommen, der die Beziehung beendete. Ich hatte schon bemerkt, dass es mir hilft, Distanz zu schaffen, und ich schmerzhafte Situationen besser bewältige, wenn ich solche Ereignisse meines Lebens spielerisch verarbeite. Ich habe mir also diesen Brief vorgeknöpft. Und es hat geklappt: Das künstlerische Projekt hat die Leere ersetzt. Die Idee hat mich in ein solches Fieber versetzt, dass ich schon Angst hatte, dass dieser Mann wiederkommt. Für die Biennale habe ich dann Frauen gebeten, den Brief gemäß ihrem Beruf zu interpretieren. Die Korrektorin korrigiert die Zeichensetzung, die Kreuzworträtsel-Schreiberin ersinnt ein Kreuzworträtsel und die Kriminologin erstellt ein Phantombild des Verfassers."

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Kommentare:

  1. Seit ich die Ausstellung 2004 im Gropiusb-Bau gesehen habe, liebe ich Sophie Calle und das Buch "Leviathan" ist unbedingt lesenswert! Danke für diese schöne Erinnerung daran!

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  2. Schade, dass Sophie Calle keine Bloggerin ist - ich würde ihr sofort folgen!

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  3. Lange Zeit wußte ich nicht, dass ich Sophie Calle aus Paul Auster's Buch kannte - sie kam mir nur so bekannt vor!

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  4. Doku statt Deko - in der Tat! Obwohl die Dokufotos auch tolle Deko sein können!

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  5. Das Buch "Wahre Geschichten" von Sophie Calle - klein, aber sehr, sehr fein!

    http://www.amazon.de/Wahre-Geschichten-Sophie-Calle/dp/3791332627

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  6. Danke, dass Du mich mal wieder an Sophie Calle erinnert hast. (Und danke fürs so nett aufmuntern!)

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